Humusabtrag ist „ein ökologischer Wahnsinn“

Boden wird immer mehr zur Mangelware: als Bauland, in der Landwirtschaft und im Naturschutz, nämlich als Ausgleich für Baumaßnahmen

Treten für einen praxisgerechten Naturschutz ein (v.l.): Bezirksobmann Josef Mühlbachler, BB-Obmänner Wolfgang Freudenthaler und Martin Moser sowie Herbert Reindl (OBO Lasberg) (Foto: BBK Freistadt)

Die Böden sind zentraler Faktor sämtlicher Vegetation und damit aller Landökosysteme. Die Inanspruchnahme von Böden durch Versiegelung und Bebauung sowie Eingriffe in Böden, wie etwa Abgrabungen, führen zu einem Verlust und einer Beeinträchtigung der Bodenfunktionen. Diese Eingriffe sind durch geeignete Maßnahmen zu kompensieren. „Natürliche Prozesse sind äußerst dynamisch und lassen sich durch menschliche Eingriffe mitunter nur schwer simulieren“, so der Landesobmann des OÖ Bauernbundes, LR Max Hiegelsberger. Im Zuge der Errichtung der S10 wurde seitens der Umweltanwaltschaft sowie der Naturschutzabteilung des Landes und der BH Freistadt verlangt, zu den bereits 160 ha ökologischen Ausgleichsflächen weitere 20 ha an ökologischen Ausgleichsmaßnahmen anzulegen. „Nicht nur die Eingriffe für Bauprojekte verbrauchen Äcker und Wiesen, sondern auch die Ausgleichsmaßnahmen dafür. Und das wiederum geht fast immer zu Lasten der Landwirtschaft, die durch den verordneten Ausgleich zumeist zusätzlich wertvolle Flächen verliert“, erklärt Hiegelsberger. „Die Sinnhaftigkeit von Maßnahmen wie den Abtrag des Oberbodens ist jedenfalls zu hinterfragen, da nicht überprüfbar ist, ob die gewünschten Effekte bei der Umsetzung durch diese massiven Eingriffe überhaupt eintreten können.“

Abtrag von 45.000 Kubikmeter Humus
In der Gemeinde Lasberg soll demnächst auf einer neun Hektar großen Wiesenfläche im Ortsteil Pilgersdorf Humus abgetragen werden. Die Fläche ist im Besitz der Asfinag und soll zur Sanierung von landwirtschaftlichen Grundstücken verwendet werden, die beim Bau der Schnellstraße beschädigt wurden. Insgesamt ist vorgesehen 45.000 Kubikmeter fruchtbaren Humus abzutragen. „Die Böden, welche als Zwischenlager für das Aushubmaterial in Anspruch genommen wurden, müssen wieder rekultiviert werden. Es dürfen aber keine zusätzlichen Flächen dafür vernichtet werden“, kritisiert der Freistädter Bauernbund-Bezirksobmann ÖR Josef Mühlbachler das geplante Vorhaben. Der benötigte Humus hätte auch von diversen Bauvorhaben in der Umgebung zugekauft werden können.
Die Sinnhaftigkeit solcher Maßnahmen sei jedenfalls zu hinterfragen. „Wenn 30 Zentimeter Humus und noch 40 Zentimeter Oberboden abgetragen werden, wird auf diesen Flächen nichts mehr produziert werden können. Hierbei handelt es sich um Bodenvernichtung auf ewige Zeit“, betont Mühlbachler. Offen bleibt auch die Frage nach der Verhältnismäßigkeit der Kompensationsmaßnahmen: Die Kosten der Maßnahmen dürfen nicht außer Verhältnis zum erzielten positiven Effekt stehen. Insgesamt seien für den Abtransport der Erdmassen laut Mühlbachler circa 4500 Lkw-Fuhren notwendig: „Alleine das ist ein ökologischer Wahnsinn.“

Akzeptanz der Ausgleichsmaßnahmen
Das System der Ausgleichsmaßnahmen steht und fällt mit der Sinnhaftigkeit, dem langfristigen Erhalt und der gesellschaftlichen Akzeptanz. Nur wenn der Ausgleich sichtbar, spürbar, wirksam wird, ist er ökologisch glaubwürdig. „Es kann nicht Sinn und Zweck der Eingriffsregelung sein, mit ihr das zu verwirklichen, was der Naturschutz oder andere schon immer einmal gerne verwirklichen oder versuchen wollten. Manches Mal habe ich den Eindruck, die Vorschreibungskataloge ähneln einem Wunschkonzert, bei dem der Frage der Realisierbarkeit und Sinnhaftigkeit offenbar zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird“, ärgert sich Landesobmann Hiegelsberger.

Wir haben in den letzten Jahren die Probleme der Landwirtschaft mit der Naturschutzbehörde immer wieder aufgezeigt. „Deshalb fordern wir den Naturschutzlandesrat auf, endlich für eine praxisgerechte Umsetzung des Naturschutzgesetzes im Bezirk Freistadt zu sorgen. Nur mit gegenseitiger Wertschätzung können die Anliegen des Naturschutzes gemeinsam mit der Landwirtschaft angegangen werden“, so Mühlbachler abschließend.


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